Stolpersteine in Gütersloh

Eine neue Stadt soll man sich erlaufen, heißt es. Ganz neu bin ich in Gütersloh nun nicht mehr. Aber einen Stadtrundgang per App habe ich schon lange nicht mehr gemacht und einen historischen tatsächlich noch gar nicht. Und da ich ohnehin neugierig auf den Beitrag der Ely-Heuss-Realschule zum „Stolpersteine-Guide“ war – nach meiner Zeit bei der Körber-Stiftung lassen solche Schulprojekte mein Herz nun mal höher schlagen – geht es für eine Stunde auf durch die Gütseler Innenstadt. Die App und eine pünktlich zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus neu aufgelegte Broschüre liefern Hintergrundinformationen und Biografien zu allen 44 Stolpersteinen in Gütersloh.

 

Bis auf die beiden ehemaligen „Judenhäuser“ in der Kahlertstraße und der Bismarckstraße liegen alle Steine direkt in der Fußgängerzone. Neue Orte habe ich durch die „Spur der Steine“ also nicht kennen gelernt, aber natürlich neue Seiten der Geschichte. Zum einen ist jede der Biografien und Familiengeschichten, die die Geschichts-AG der Schule und das Stadtarchiv gut lesbar zusammengetragen haben, um die Idee der Stolpersteine – den NS-Opfern einen Namen und eine Geschichte zu geben – lebendig werden zu lassen, eine Horizonterweiterung. Zum Anderen weichen die Gütersloher Gedenksteine in zweierlei Hinsicht von dem mir bekannten Projektmuster ab.

Wo die Steine vom „Korsett abweichen“…

Die Grundidee ist bekanntlich, das ein Stein am letzten frei gewählten Wohn- oder Arbeitsort an eine Person erinnert, um zu zeigen, dass es um das Gedenken an freie Menschen geht, die durch systematische Zwänge und Entrechtung aus ihrem alltäglichen Leben gerissen wurden. Zwei Abweichungen vom Muster sind mir auf meinem Rundgang aufgefallen: Erstens erinnern hier Stolpersteine auch an Personen, die in einem Gebäude geboren wurden, deren Lebens- und Verfolgungsgeschichte sich jedoch an anderen Orten abspielte. Zweitens wird wie erwähnt auch an die Menschen erinnert, die zwischen 1939 und ihrer Deportation in einem der beiden „Judenhäuser“ lebten – einem Wohnort, den sie nicht frei gewählt hatten, sondern der ihnen im Zuge der Zwangsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung zugewiesen wurde.

… und warum es gute Gründe für diese Abweichung gibt.

Doch gerade die Berücksichtigung dieser Ghettohäuser zeigt, dass es gute Gründe gibt, diese Biografien und Orte im Rahmen der Stolpersteinintiativen nicht auszusparen.

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  •  In der Broschüre finden sich nicht nur die Biografien der Personen, sondern auch kurze Hintergrundtexte zu den einzelnen Gebäuden. Auf die Besonderheit der „Judenhäuser“ wird also hingewiesen. Außerdem lässt sich daran eine doppelte Unrechtsgeschichte ablesen. Denn die Häuser waren in Privatbesitz und wurden ihren jüdischen Eigentümern  1938/39 abgepresst, entweder im Rahmen ihrer Emigration – so in beiden Gütersloher Fällen – oder durch die allgemeinen Zwangslagen, die aus der Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens“ ab Dezember 1938 entstanden. Durch die erwähnten „Häuserbiografien“ und die Verlegung von Stolpersteinen für die ehemaligen BesitzerInnen und die späteren unfreiwilligen BewohnerInnen in der Kahlertstraße wird dieser Zusammenhang noch einmal aufgezeigt.
  • Auch die Sichtbarkeit der Entrechtung tritt besonders deutlich zu Tage. Bei den privaten Wohnhäusern gab es für die „arischen“ AnwohnerInnen die Möglichkeit, „nicht zu wissen“ was ihren ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn nach deren Auszug passierte. Die Zwangseinweisung in überbelegte „Judenhäuser“ konnte man hingegen kaum übersehen – zumal beide Gebäude in Gütersloh immer noch zentrumsnah und vor allem in normalen Wohngebieten lagen.
  • Was die Berücksichtigung der Biografien angeht, die nur durch die Geburt oder einen kurzen Aufenthalt mit Gütersloh verbunden sind, so werden durch sie Familiengeschichten sichtbar, die es in Deutschland nach 1938 sicher zu Hauf gab, die aber immer wieder berühren. Sei es das Ehepaar, das in der Pogromnacht im November 1938 Hab und Gut verloren hat und mittellos von seinen Verwandten in Gütersloh aufgenommen wurde – nur um ein halbes Jahr später wieder alles zu verlieren. Sei es die Tochter, die nicht mit Mann und Kind nach England emigrierte, sondern in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um sich um ihre Eltern zu kümmern, und gemeinsam mit ihnen ins Warschauer Ghetto deportiert wurde.

Ein Rundgang durch Gütersloh anhand der Stolpersteine-App lohnt also, nicht nur am Gedenktag. Schön wäre es allerdings, die in der Broschüre vorhandenen „Häusergeschichten“ noch in die App zu integrieren. Sie liefern nicht nur über die Ghettohäuser wertvolle Hintergrundinformationen, sondern auch über die Brandstiftungen während der „Reichspogromnacht“ - ein besonders sensibles Kapitel der Gütersloher Stadtgeschichte.

Text und Bilder: Franz Jungbluth CC-BY-NC-ND 3.0

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Kommentare: 4
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