Starke Partner und ihre Museen (I). Das Bielefelder Puddingwunder auf der Museumstagung

‚Starke Partner und ihre Museen‘ war das – nicht unbedingt selbsterklärende – Motto des Herbsttreffens westfälischer Museen, an dem ich für das Stadtmuseum Gütersloh teilnehmen durfte. Hierfür auch noch einmal herzlichen Dank, denn auch wenn die Konferenzsaison im Oktober und November in vielen Museen teilweise in Stress ausartet, ist es nicht selbstverständlich, dass diese ihren ‚Freien‘ die Teilnahme ermöglichen! Für mich war gerade diese Tagung sehr bereichernd, da sie einige neuere, vielleicht auch wegweisende Entwicklungen im Tourismus und der Museumsszene beleuchtet hat.

Hinter den starken Partnern, denen die Vereinigung westfälischer Museen das Programm gewidmet hatte, verbargen sich nämlich Institutionen, die man eher nicht als Museumsbetreiber vermuten würden, namentlich ein Lebensmittelkonzern, ein Spitzensportverband und das Kongresszentrum eines Kurorts. Was sich diese Träger von einem Museumsbetrieb versprechen und wie sich die Trägerschaft auf die Konzeption und das laufende Geschäft der vorgestellten Museen auswirkte, war Thema der durchgehend unterhaltsamen und informativen Vorträge –Eigenschaften übrigens, die bei solchen Konferenzbeiträgen nicht immer selbstverständlich sind. In einer kurzen Blogserie werde ich hier die Präsentation der einzelnen Einrichtungen zusammenfassen und in einem abschließenden Beitrag die wichtigsten Diskussionslinien aufgreifen.

Die Dr. Oetker Welt in Bielefeld

Das 'Puddingpulvergebäude' wurde von 1914 bis 2001 zur Produktion genutzt und für den Betrieb der Dr. Oetker Welt umgebaut. © Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, November 2016
Das 'Puddingpulvergebäude' wurde von 1914 bis 2001 zur Produktion genutzt und für den Betrieb der Dr. Oetker Welt umgebaut. © Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, November 2016

Ein verbindendes Element aller drei vorgestellten Häuser war zudem ihr vergleichsweise jugendliches Alter. Die vor knapp elf Jahren eröffnete ‚Dr. Oetker Welt‘ in Bielefeld war mit Abstand der Methusalem! Durch ihre Lage mitten im Bielefelder Stammwerk ist die Ausstellung zwar aufs Engste mit der Unternehmensgeschichte des Nahrungsmittelkonzerns verbunden. Um ein Firmenmuseum handelt es sich dabei dennoch nicht, da nur ein geringer Teil der Ausstellungsfläche mit Objekten aus der Unternehmensgeschichte bespielt wird.

Mit dem 'Backmobil' mit Anhänger in Guggelhupfform machte Dr. Oetker bereits in der Weimarer Republik 'Edutainment' mit seinen Produkten © Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, November 2016
Mit dem 'Backmobil' mit Anhänger in Guggelhupfform machte Dr. Oetker bereits in der Weimarer Republik 'Edutainment' mit seinen Produkten © Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, November 2016

Vielmehr sieht sich die Dr. Oetker Welt in der Unternehmenstradition des persönlichen Marketings*: Während die Mitarbeiter der Nahrungsmittelsparte früher mit dem ‚Backmobil‘ übers Land fuhren, um Dr. Oetker Produkte zu präsentieren, kommen die Kunden heute nach Bielefeld, um in einem zweieinhalbstündigen Rundgang einmal quer durch die Lebensmittelpalette des Hause zu reisen. Angesichts der 125jährigen Unternehmensgeschichte stehen auch Ausflüge in die Vergangenheit an. Viele Installationen wie „das Puddingwunder“ und das multimediale Kuchenbacken sollen die Besucher aber vor allem für aktuelle Produkte begeistern.

So steht die Dr. Oetker Welt klar unter den Motto ‚Kundenbindung‘ und steht unter Verantwortung des hausinternen Marketings. Gleichzeitig löst der Konzern so zwei Probleme, die sich zuvor mit dem immer wieder geäußerten Kundenwunsch nach einer ‚Werksbesichtigung‘ stellten: Da die Nahrungsmittelproduktion über vier Standorte in ganz Deutschland verteilt ist, würde eine solche Begehung zum Einen immer nur einen Teilaspekt abbilden und Besucher eventuell enttäuscht hinterlassen. Zum Anderen sind solche Touren in der Lebensmittelindustrie mit ihren hohen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften nur sehr aufwändig umzusetzen. Durch die mediale Inszenierung im Rahmen eines Rundgangs lassen sich diese Klippen umschiffen.
Obwohl die Besucher also keinen direkten Zugang zu Produktionsbereichen haben, ist ein Besuch abgesehen von wenigen Sonderveranstaltungen nur im Rahmen einer Führung oder moderierten Veranstaltung möglich. Angesichts dieser Einschränkung und dem Verzicht auf Sonderausstellungen sind etwa 45.000 Besucher im Jahr durchaus beeindruckend. Dieser Erfolg überraschte die Macher in den Anfangsmonaten selbst. Bei der Eröffnung der Inszenierung im März 2005 waren zunächst nur zwei Tage in der Woche für öffentliche Führungen vorgesehen – mit dem Ergebnis, dass diese im Sommer für die nächsten zwei Jahre ausgebucht waren! Da eine solche Warteliste nicht im Sinne der erhofften Kundenbindung sein konnte, wurde das Führungsangebot schnell ausgeweitet und ist mittlerweile die ganze Woche außer sonntags buchbar.

Was macht das 'Puddingwunder' auf der Museumstagung?

Neben Ausstellungen und Inszenierungen gibt es bei einem Nahrungsmittelkonzern natürlich auch Probierstationen, wie das prominent einsehbare 'Puddingwunder' © Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, November 2016
Neben Ausstellungen und Inszenierungen gibt es bei einem Nahrungsmittelkonzern natürlich auch Probierstationen, wie das prominent einsehbare 'Puddingwunder' © Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, November 2016

Das Haus ist schwerlich als Museum zu verstehen und erhebt diesen Anspruch auch gar nicht. Vor diesem Hintergrund wäre ein klassisches Unternehmensmuseum, von denen es in der nordrhein-westfälischen Nachbarschaft mehrere gegeben hätte, vielleicht die naheliegendere Wahl für eine Museumstagung gewesen. Aufgrund ihrer Größe, der zentralen Lage in Bielefeld und der aufwändigen Inszenierungen gab die Dr. Oetker-Welt allerdings gute Impulse für die erste Diskussion, die sich bei einem kleineren und dafür klassischeren Firmenmuseum bestimmt in andere Richtungen bewegt hätte. So stand schnell die spannende Frage im Raum, ob private Ausstellungshäuser und Erlebnismuseen nun eher als Multiplikatoren wirken, die neue Zielgruppen in die Stadt und ‚ins Museum‘ locken, von denen auch andere Museen profitieren können? Oder ziehen sie Aufmerksamkeit von diesen ab, da die Ausstellungen meist in einem Grad medial aufbereitet und durchinszeniert sind, dein viele öffentliche Museen nicht leisten können oder wollen und der Besuch meist recht zeitaufwändig ist?

 

Für beide Thesen gab es gute Argumente, zu denen ich am Ende der Serie einen eigenen Beitrag posten werde. Denn eine ähnliche Diskussion gab es auch in Bezug auf das Deutsche Fußballmusseum, das im zweiten Teil der Serie vorgestellt wird.

 

* Im Zuge der Recherchen zu diesem Post bin ich übrigens auf einen lesenswerten Artikel über Dr. Oetker als ‚Pionier des Content Marketings‘ gestoßen

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Wera (Donnerstag, 17 November 2016 11:24)

    Lieber Franz,

    vor ein paar Tagen habe ich schon Deinen Blogeintrag gelesen und die Berichte über die Tagung von Dir mit Spannung verfolgt. Dabei stellte ich fest, dass es wirklich sehr viele Betreiber von Museen gibt, die man nicht unbedingt mit Museen verbindet. Meine Arbeitgeber waren bislang alle in unterschiedlichen Trägerschaften (Behörde, GmbH, private Stiftung, öffentliche Stiftung), allein das ist schon sehr faszinierend und für die internen Abläufe immer wieder spannend.

    Bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung bin ich im Rahmen von museumlifestyle.com über viele Mode-Museen gestolpert, die direkt von den Labels ins Leben gerufen wurden, (https://museumlifestyle.com/2016/05/11/luxury-label-museums/), dies entspricht ähnlichen Konzepten wie dem von Oetker. Man stellt seine eigene Firmengeschichte zur Schau. Bei Oetker musste ich schmunzeln, da ich vor ein paar Jahren in Bielefeld an einer Werksbesichtigung teilnehmen durfte. Aber viel spannender fand ich die Kunstsammlung von Herrn Oetker - ein echter Augenschmaus. (https://www.welt.de/kultur/article715557/Was-wird-aus-der-Sammlung-des-Dr-Oetker.html) Da mag die Firmengeschichte vielleicht ganz schön und chic daherkommen, aber spannender war für mich seine private Sammlung. Die Darstellung der Firmengeschichte als Museum zu bezeichnen fällt mir ein wenig schwer, aber mit Sicherheit ist es irgendwann museal, besonders bei so großen Firmen wie Oetker oder Haribo, mich fasziniert zudem, dass es Familienunternehmen sind.

    Beim Fußballmuseum hat sich gezeigt, dass es nicht wirklich ein Museum ist, denn als ich an der Kasse stand und meine ICOM-Karte zückte, guckte mich die junge Dame dort an und meinte, dass sie diese Karte leider nicht akzeptieren. Dies bedeutet für mich im Umkehrschluss, dass ich die Einrichtung nicht als Museum akzeptieren kann. Ich definiere solche Häuser lieber als ScienceCenter. Das tut mir weniger weh und ich kann damit leben, dass ich nicht überall kostenlos in die Häuser komme. ;) - Und nein, ich habe das Haus dann nicht besucht, weil ich tatsächlich die Häuser immer nur sehr kurz bei meinem ersten Aufenthalt besuche und gucke, wie es eingerichtet worden ist, welche Schrifttypen wurden verwendet, ist das Haus barrierefrei etc. - also eher der Fachblick (und nicht der Besucherblick). Inhaltlich hätte ich mich zudem eh nicht mit dem Haus auseinandergesetzt. (Mein Interesse für Fußball ist da leider sehr begrenzt.) ;) Beim Fußballmuseum bin ich aktuell ein wenig skeptisch, aus der Schweiz vom FIFA Museum hört man ja nichts Gutes... Schade, aber das hängt vermutlich auch mit den vielen Skandalen zusammen, dass es einen Imageschaden gibt. Ich hoffe, das passiert in Dortmund nicht!
    Bezüglich Deiner Fragen zur "Aktualität" des Ausstellungskonzeptes stimme ich Dir vollkommen zu! Ist ein Museum wirklich so flexibel, sollte es einen 5. Stern geben.

    Sind wir gespannt und hoffen auf einen 5. Stern und lassen uns überraschen!

    LG, Wera




  • #2

    Franz (Donnerstag, 17 November 2016 13:15)

    Danke liebe Vera!

    Bei Firmenmuseen gibt es glaube ich von Flachware in der Eingangshalle über "Wir zeigen den goldenen Füller vom Chef" bis hin zu richtig gut gemachten Ausstellungen alles. Da könnte man sicher eine eigene Blogserie zu machen. Ich melde mich, wenn ich ein Funding dafür habe ;D
    Wie ist es denn bei den Modelabels? Wahrscheinlich überwiegend historische Kollektionen, oder?

    Im Gegensatz zur Dr. Oetker Welt versteht das DFM sich sehr wohl als Museum, im DMB sind sie mW Mitglied, da hast Du wohl leider einfach die falsche Karte vorgezeigt :( Nach der Präsentation eines der Kuratoren bin ich da inzwischen echt neugierig, obwohl ich auch ein absoluter Fußballmuffel bin. Aber wenn er nicht ein Extra Schaulaufen für die Museumsvereinigung inszeniert hat, gibt es neben den Blockbusterobjekten auch einige Stationen, in denen der Blick vom Fußball auf Sozialgeschichte oder Politik gerichtet wird: Politische Instrumentalisierung im NS und der DDR, Integration im Ruhrgebiet durch Fußballvereine, Emanzipation des Frauenfußballs etc.
    Nur wann komme ich schon mal nach Dortmund, außer zum Umsteigen? Und für Wochenendausflüge mit der Kleinen ist dieses Museum glaube ich frühestens in vier Jahren interessant.