Starke Partner und ihre Museen (III). Der 'Salzlouvre' von Bad Sassendorf

Im dritten Teil der Blogserie zur Tagung ‚Starke Partner und ihre Museen‘ geht es um das Erlebnismuseum Westfälische Salzwelten in Bad Sassendorf. Während die beiden bereits vorgestellten Häuser in Bielefeld und Dortmund jeweils im Herzen einer Großstadt angesiedelt sind, ist eine Gemeinde mit 12.000 Einwohnern und für nordrhein-westfälische Verhältnisse mäßiger Verkehrsanbindung ein ungewöhnlicher Standort für einen Museumsneubau.

 

© Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH
© Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH

Mit 900 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist das Museum zwar auch deutlich kleiner, als die Dr. Oetker Welt oder das Deutsche Fußballmuseum. Für eine Gemeinde von dieser Größe ist diese Ausstellungsfläche aber durchaus bemerkenswert. Das moderne Bau- und Ausstellungskonzept, mit dem ein ehemaliger Erbsälzer-Hof innerhalb kurzer Zeit in den „Louvre von Bad Sassendorf“ verwandelt wurde, wie ihn NRW-Bauminisiter Michael Groschek bei der Eröffnung nannte, spricht ebenfalls dafür, dass mit diesem Projekt mehr als nur ein neu konzipiertes Lokalmuseum in einem Kurort geplant wurde.

 

Neuerfindung eines Kurorts?

Das (rekonstruierte) Gradierwerk im Kurpark ist Sinnbild für den Wandel vom Salz- zum Kurort. © Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH
Das (rekonstruierte) Gradierwerk im Kurpark ist Sinnbild für den Wandel vom Salz- zum Kurort. © Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH

Die Ansiedlung des Museums sieht Museumsleiter Oliver Schmidt vielmehr als Teil der ‚dritten Neuerfindung des Ortes‘. Wie viele andere Orte entlang des Hellwegs profitierte auch Bad Sassendorf seit dem Mittelalter über mehrere Jahrhunderte von der Salzgewinnung aus Sole, um dann im 19. Jahrhundert seine Salzquellen für den Kur- und Bäderbetrieb umzuwidmen. Auf die berüchtigte ‚Kurkrise‘, unter der Ende der 1990er Jahre viele Heilbäder litten, reagierten die Kliniken mit einer Reduzierung klassischer Kurangebote und einer Spezialisierung auf Rehabilitation nach Operationen und Brüchen – und der übrige Ort mit einer stärkeren Ausrichtung auf touristische und kulturelle Angebote jenseits der Kurunterhaltung. Während das Kulturleben vor Ort früher vor allem auf die Kurgäste zugeschnitten war, stehen heute eher die Besucher der Patienten und die Erschließung neuer Zielgruppen im Fokus. Diese Aktivitäten werden in der Tagungs- und Kongresszentrum GmbH gebündelt. Die Westfälischen Salzwelten sind organisatorisch eine Abteilung dieser Gesellschaft und mittlerweile ein zentraler Baustein im Veranstaltungsmarketing der Gemeinde, wenn es etwa um Rahmenprogramme für Tagungen oder auch eine ‚Dinnershow‘ zum Thema Salz geht.

 

Salzgeschichte als Teil regionaler Identität

Vom denkmalgeschützten Hof (Bild l. 2008) zum modernen Ausstellungsgebäude. Der 'Würfel' über dem Treppenhaus greift die Struktur der Salzkristalle auf und veranlasste Landesbauminister Michael Groschek dazu, vom 'Louvre von Bad Sassendorf zu sprechen.
Alle Bilder © Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH

Mit der Erschließung des Grundstücks, auf dem sich neben den Westfälischen Salzwelten noch die Bad Sassendorfer ‚Kulturscheune‘ befindet und der denkmalgerechten Instandsetzung der historischen Bausubstanz hat die Gemeinde beträchtliche Eigenmittel in das Museum investiert. Der Umbau zu einem modernen, barrierefreien und gut zu bespielenden Ausstellungshaus wurde dann vor allem durch Fördermittel der Regionale 2013 Südwestfalen finanziert. Im Rahmen des Regionalförderprogramms wurde die Kulturgeschichte des Salzes zum Eckpfeiler des Tourismusmarketings für die gesamte Soester Börde systematisch aufgebaut. So sind die Westfälischen Salzwelten inhaltliches wie geografisches Zentrum der Westfälischen Salzroute, einem Radwanderweg von Unna bis nach Salzkotten, dessen Stationen sich allesamt durch Sehenswürdigkeiten rund um die Gewinnung und Anwendung von Salz auszeichnen.

 

Mit diesen beiden Stichworten sind auch die beiden Ebenen der Dauerausstellung der Westfälischen Salzwelten gut beschrieben, die optisch und inhaltlich einer stimmigen Zweiteilung folgt. Das untere Stockwerk wurde bewusst so dunkel und verwinkelt gehalten, wie es die Barrierefreiheit erlaubt, um an den unterirdischen Ursprung von Salz zu erinnern. Dort werden die stofflichen Eigenschaften und die gängigen historischen Fördertechniken von Salz anhand von Modellen und Medien präsentiert und anhand der Bad Sassendorfer Geschichte erklärt. Diese Kombination aus allgemeinen Phänomenen und besonderer Ortsgeschichte findet sich auch in der oberen Etage wieder, die sich den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Salz widmet. Nach einem Ausflug zu technischen und kosmetischen Anwendungen, kehrt die Ausstellung mit den Themen Gesundheit und Wellness wieder nach Bad Sassendorf zurück und entlässt den Besucher mit einem kleinen (aus technischen Gründen leider reduzierten) Solenebelbad in den Kurort. Diese Ebene ist schön ausgeleuchtet und liegt teilweise im Tageslicht, da sie der ‚oberirdischen‘ Spur des Salzes folgt.

 

Ein Museum für Alle(s)?

An dieser Stelle muss man den Ausstellungsmachern ein Kompliment machen. Eine Dauerausstellung in einem Museum komplett neu und dank Fördermitteln relativ großzügig planen zu können, ist natürlich erst einmal ein Luxus. Auf 900 Quadrametern sowohl die Salz-Geschichte des westfälischen Hellwegs als auch die wichtigsten wissenschaftlichen Fakten rund um das Thema zu vermitteln, ist aber zweifellos eine Herausforderung, die in meinen Augen gut bewältigt wurde. Das Fehlen einer eigenen Sammlung, etwa eines Stadtmuseums o.ä. mag auf den ersten Blick als zusätzliches Problem erscheinen. Vom Ergebnis her gedacht hat die Ausstellung davon aber profitiert, da sie so keinen Ballast aus dem Magazin mitschleppt, sondern die Präsentationsformen und die Exponatleihgaben von den Inhalten her wählen konnte. So findet sich neben Originalen aus den westfälischen Salzbädern – vor allem bei den Themen Salzgewinnung und Gesundheitsbetrieb – großformatige Inszenierungen, anschauliche Miniaturmodelle (wer hätte gedacht, dass das im 21. Jahrhundert noch so gut funktioniert!) und Science Center-Stationen.

 

Die Dauerausstellung folgt dem Weg des Salzes von der Gewinnung unter Tage zur oberirdischen Anwendung und macht diese Entwicklung auch in der Lichtstimmung sichtbar. Alle Bilder © Tagungs- und Kongresszentrum Bad Sassendorf GmbH

Angesichts dieses Themen- und Präsentationsmix ist das Label ‚Erlebnismuseum‘ auch mehr als eine Marketingvokabel. Denn je nachdem, mit was für einer Führung Besucher ins Museum kommen oder welches Thema sie besonders interessiert, werden sie den Rundgang unterschiedlich gestalten und erleben. Hinzu kommt die wirklich sehr breite und teilweise kreativ um die Ecke gedachte Programmpalette: naturwissenschaftliche und kulinarische Workshops bieten sich bei einem Museum zum Thema Salz an. Aber wussten Sie, das Salzkristalle eine würfelförmige Struktur haben, und es daher (natürlich!) auf der Hand liegt, im Museum eine Spielenacht mit Brett- und Würfelspielen anzubieten? Mit dieser Herangehensweise, die hinter einem ‚Kessel Buntem‘ an Themen und Formaten immer wieder auf das Thema Salz zurück kommt, haben die Westfälischen Salzwelten im ersten Jahr ihres Bestehens über 20.000 Besucher erreicht – angesichts der Größe und Lage ihres Standorts und der umgebenden Gemeinden ein sehr stolzes Ergebnis. Da mich die Ausstellung wirklich positiv überrascht hat, wünsche ich dem Team, dass dieses Ergebnis nicht nur der anfänglichen Neugier auf ein neues Museum geschuldet war, sondern die Rechnung, neuer Anziehungspunkt für das Tourismusmarketing in Südwestfalen zu werden, aufgeht.

 

Als Beobachter von Trends in der Museumsszene und im Kulturmarketing bin ich darauf sehr gespannt. Auf der Tagung der Vereinigung westfälischer Museen, die Anlass für diesen Blogpost waren, warf das Wagnis und die Originalität der Salzwelten übrigens deutlich weniger Diskussionsfragen auf, als die  Dr. Oetker Welt und das Deutsche Fußballmuseum – obwohl beide Häuser auf den ersten Blick über ein eindeutigeres Konzept und einen Standort mit höherem Potenzial verfügen. Die strittigen Fragen und wichtigsten Argumente, die auf der Konferenz zu neuen Museen mit unkonventioneller Trägerschaft gesammelt wurden, werde ich im letzten Beitrag der Artikelserie vorstellen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Mia Chabolla (Freitag, 03 Februar 2017 03:18)


    Thanks on your marvelous posting! I actually enjoyed reading it, you are a great author.I will make sure to bookmark your blog and will eventually come back very soon. I want to encourage you continue your great job, have a nice morning!