Starke Museen und ihre Partner (IV). 'Blockbuster' gegen Musentempel und Dorfkirchen?

Verschiedene spannende Projekte, von denen das eine oder andere vielleicht Futter für einen künftigen Blogeintrag bietet, und die typische Rush Hour vor Weihnachten haben die Wartezeit auf den letzten Beitrag meiner Blogserie zur Herbsttagung westfälischer Museen in die Länge gezogen. Ich möchte das Jahr aber nicht beschließen, ohne hier die zwei wichtigsten Diskussionspunkte zu den vorgestellten ‚neuen‘ Museen aufzuzeigen und zu bewerten. Auch wenn es schwierig ist, die Tochter eines lokalen Kongresszentrums, die Stiftung eines Spitzensportverbandes und die Abteilung eines erfolgreichen Unternehmens zu vergleichen, gab es doch zwei Themen, die nach allen Vorstellungen thematisiert wurden: die finanziellen Perspektiven des Hauses und der touristische Mehrwert für den Standort.

Das liebe Geld

Dank üppiger Verbands- und Unternehmensmittel beziehungsweise Förderung aus dem Programm der Regionale Südwestfalen, konnten alle drei vorgestellten Häuser bei der Ersteinrichtung ihrer Ausstellungen aus dem Vollen schöpfen. Gleiches gilt für die technische und bauliche Ausstattung der Häuser, die passgenau auf die Struktur der jeweiligen Dauerausstellungen zugeschnitten sind. Angesichts mittlerer zweistelliger Millionenbeträge bekamen nicht nur die Vertreter von Stadt- und Kreismuseen, die das Gros der Anwesenden ausmachten, leuchtende Augen. Auch mittlere Landesmuseum können von einem solchen Bau- und Einrchtungsbudget erst einmal nur träumen. Beim weiteren Blick hinter die Kulissen waren es dann allerdings nicht nur die reinen Euro-Summen, die für Staunen sorgten, sondern auch die Anforderungen an die Zukunftsfähigkeit. Die Westfälischen Salzwelten und ihre Trägergesellschaft, die Bad Sassendorfer Tagungs- und Kongresszentrum GmbH, werden ihren Budgetplan – ein durchaus sinnvolles Vorgehen – erst nach den Erfahrungen der ersten beiden Jahre Museumsbetrieb festschreiben, gehen jedoch davon aus, dass das Haus 30 bis 40 % seines Haushalts selbst einspielen wird. Im Vergleich zu vielen öffentlichen Häusern mit Eigenanteilen von 10 bis 15 % ist das ein sportliches, aber machbares Ziel. Skeptische Blicke wanderten hingegen nach Dortmund, wo das Deutsche Fußballmuseum die Aufgabe hat, nach einer sehr üppigen Anschubfinanzierung seine künftige wirtschaftliche Entwicklung aus eigener Kraft zu stemmen. Zu 100 Prozent. Ob und wie das gelingen kann, wird wohl allein ein Blick auf die nächsten zehn oder zwanzig Jahre beantworten. Dann klärt sich auch die Frage, ob ein Kurort mit einer innovativen Idee und ein großer nationaler Sportverband ‚ihre‘ Museen im Fall der Fälle auch tatsächlich eingehen lassen würden, oder aber im Zweifelsfall doch eine rettende Kreditkarte in der Hinterhand haben.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich wünsche den Museen nur das Beste und stehe ambitionierten und alternativen Konzepten in der Kulturfinanzierung sehr aufgeschlossen und gespannt gegenüber! Dennoch stellt sich die Frage, ob eine sehr hohe Anschubfinanzierung mit der Erwartung, dass sich ein Haus auf dieser Grundlage selbst tragen kann, der beste Weg für diesen Sektor ist. Technik kommt in die Jahre, Dauerausstellungen veralten und das eine oder andere Museum hat nach der Euphorie der ersten Jahre sein Besucherpotenzial ausgeschöpft. Natürlich sind die Akquise von Drittmitteln und ein kreativer ‚Spieplan‘, mit dem man Besucher zu Widerholungstätern macht, eine Kernaufgabe, die sich allen Museen stellt. Gerade bei regionalen oder bundesweiten ‚Blockbustern‘ hätten Besucher, Personal und Standort mittelfristig vielleicht mehr davon, den Museumsbetrieb am Anfang eine Nummer kleiner dafür nachhaltigen über einen längeren Zeitraum zu planen.

 

'Blockbuster' als Leuchttürme oder Konkurrenz?

In die Diskussion der verschiedenen Finanzierungskonzepte mischte sich hin und wieder eine gewisse Skepsis in das generell hohe Interesse – immerhin müssen sich auch Museen in öffentlicher Hand immer öfter auf kurzfristigere Finanzierungen und eine steigende Bedeutung von Dritt- und Eigenmitteln einstellen. Diese Entwicklung dürfte direkt begründen, wieso die Frage von Museen als Faktor des Standortmarketings deutlich kontroverser und leidenschaftlicher diskutiert wurde. Umstritten blieb vor allem, wie sich prominent platziert und professionell durchinszenierte Ausstellungen auf die Museumslandschaft in ihrer Umgebung auswirken. Alle drei vorgestellten Institutionen nehmen für sich in Anspruch, als kultureller Leuchtturm Impulse für die Museumsarbeit der ganzen Stadt oder Region zu geben und Besucher anzuziehen, die sonst nicht den Weg dorthin fänden. Die Stellung als Besuchermagneten wurde nicht in Abrede gestellt, die weiteren Impulse waren jedoch vor allem in den Großstädten Bielefeld und Dortmund hoch umstritten. Angesichts der Programm- und Inhaltsfülle darf tatsächlich bezweifelt werden, dass nach einem Besuch des Deutschen Fußballmuseums oder der Dr. Oetker Welt noch genügend Energie für einen Ausflug in die DASA oder das Historische Museum Bielefeld bleibt. Ob Fußballfans und Hobbybäcker überhaupt Interesse hätten, im Anschluss noch ein Geschichts- oder Kunstmuseum zu besuchen, steht auf einem anderen Blatt.

Das Deutsche Fußballmuseum (vorne) und das Dortmunder U sind Besuchermagnete.  Aber kann von ihrer Strahlkraft das ganze Kulturleben der Stadt profitieren? Foto: DFM /Hannapel
Das Deutsche Fußballmuseum (vorne) und das Dortmunder U sind Besuchermagnete. Aber kann von ihrer Strahlkraft das ganze Kulturleben der Stadt profitieren? Foto: DFM /Hannapel

Museen aus beiden Städten klagten in jedem Fall durchaus darüber, dass sich die privat finanzierte Konkurrenz auch in der eigenen Besucherstatistik negativ bemerkbar mache – und zwar sowohl mit Blick auf die Jahresbilanz, als auch an Aktionstagen wie dem Internationalen Museumstag oder den Bielefelder Nachtansichten. Und jenseits einzelner Besucherzahlen stand auch bei dieser Tagung die seit Jahren diskutierte Frage im Raum, ob die großen ‚Blockbuster‘-Ausstellungen mit ihren ausgeklügelten Inszenierungen und vielfältigem Medieneinsatz nun die Chance bieten, neue Zielgruppen zu erschließen oder ob sie falsche Erwartungen an den Museumsbesuch wecken, die dazu führen, dass das Stadtmuseum um die Ecke als rettungslos provinziell und verstaubt daher kommt.

Kleinen Museen bleibt die kreative Flucht nach vorne

Vor diesem Hintergrund spiegelte die Tagung, trotz ihres thematisch und regional sehr speziellen Zuschnitts, laufende Diskussion in der Museumslandschaft wieder. Wie bereits erwähnt kann sich kaum ein Museum langfristig des dauerhaften Zugriffs auf ausreichende Finanzmittel sicher sein und kreative Finanzierungswege sind mittlerweile auch für öffentliche Häuser so wichtig, dass das Network of European Museums diesem Thema letzten Monat eine eigen Tagung unter dem Titel ‚Money Matters‘ widmete. Auch die Frage, wie Stadtmuseen mit den steigenden inhaltlichen und gestalterischen Anforderungen von Politik und Publikum umgehen sollen, obwohl ihre materielle Ausstattung und die wortwörtliche Substanz – von einigen neu konzipierten und gut finanzierten Großstadtmuseen abgehen – eher am bröckeln ist, war vor kurzem ein wichtiges Thema einer Tagung der Fachgruppe Geschichtsmuseen im Deutschen Museumsbund. Um das Fazit dieser Serie nicht zu überfrachten, möchte ich mit einem kurzen Plädoyer schließen. Die Antwort auf viele dieser Fragen kann nur in kreativer Arbeit liegen – ob bei der Gestaltung von Ausstellungen mit vergleichsweise geringen Mitteln, beim Ausloten von Finanzierungsmöglichkeiten jenseits der ausgetretenen Amtswege oder beim Schnüren von Kooperationspaketen mit dem Stadtmarketing und auf den ersten Blick ungewöhnlichen Partnern. Da die meisten Museumsmacher einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund haben und über kreative Arbeit an ihre Posten gekommen sind, sollte dies kein Problem sein. Für die Museumsträger bedeutet dies aber auch, ‚ihren‘ Museumsmenschen Raum für diese Kreativität zu lassen, indem sie sie nicht mit Formalia und Verwaltungsaufgaben erdrücken und ihnen einen – wenn auch bescheidenen – klaren Planungshorizont in Sachen Ausstattung und ‚Bordmittel‘ zu ermöglichen. Die Zeit der Musentempel und Dorfkirchen ist für die Museen unabhängig von ihrer Trägerschaftsform vorbei.

 

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